«Richtig vermarktet und unterstützt, kann die Taubenzucht eine nachhaltige Alternative zum Massentourismus werden»
Sie erforschen seit 2010 die Höhlenkultur und die traditionelle Taubenzucht als landwirtschaftliche Praxis (colombiculture) in Kappadokien. Was motiviert Sie dazu?
Meine Motivation ist sowohl persönlich – aus Verbundenheit mit meinen Vorfahren – als auch wissenschaftlich. Die Landschaft Kappadokiens ist nicht nur ein geologisches Wunder, sondern auch ein Ort mit einer langen Geschichte, der über Generationen von Mensch-Natur-Interaktionen geprägt wurde. Als Wissenschaftlerin und Filmemacherin interessierte mich, wie die Menschen sich an diese Landschaft angepasst und sie durch traditionelles ökologisches Wissen geformt haben – insbesondere durch die Taubenzucht in den Feenkaminen, die der Bodenfertilität der Weinberge dient.
Historisch gesehen waren die Höhlenwohnungen und Taubenhäuser für den Lebensunterhalt unerlässlich. Die Beziehung zwischen Mensch und Taube spielte eine entscheidende Rolle, um Haushalte, Feenkamine und die Landschaft selbst zu erhalten. Marktkräfte, Tourismus und politische Veränderungen haben diese Beziehung jedoch überschattet. Sogar lokale Gemeinschaften sind dabei, die Bedeutung dieser Praktiken zu vergessen. Die einzige Möglichkeit, die Feenkamine und Höhlen Kappadokiens wiederherzustellen, besteht darin, das ursprüngliche empfindungsreiche Gleichgewicht zwischen Menschen, Tauben und dem Land wiederzubeleben.
Sie schreiben, die Überwindung der Trennung zwischen Mensch und Landschaft sei eine wesentliche Voraussetzung, um die Identität der Höhlenbewohnenden Kappadokiens zu entkolonialisieren. Was meinen Sie damit?
Der Massentourismus, die Verstädterung und politische Massnahmen, die die traditionellen Lebensgrundlagen einschränken, haben im Lauf der Zeit viele Einheimische vertrieben. Das hat zu einem Bruch zwischen den Gemeinschaften und der Landschaft geführt, die diese einst aktiv gestalteten. Die Identität entkolonialisieren bedeutet in diesem Zusammenhang, die angestammten Beziehungen zum Land zurückzugewinnen und wieder zu beleben – im Bewusstsein, dass die Bewohner*innen der Höhlen nie losgelöst von den Feenkaminen oder den Tauben waren, sondern Teil eines zusammenhängenden ökologischen Systems.
Tim Ingolds Konzept der «Bewohnerperspektive» (dwelling perspective, 1993) hilft, dies zu erklären. Es geht nicht nur darum, an einem Ort zu leben, sondern mit ihm auf eine Weise zu koexistieren, die das Gleichgewicht aufrechterhält. Wenn diese traditionellen Praktiken verschwinden, verlieren die Menschen einen Teil ihrer Identität und Handlungsfähigkeit. Ziel ist es, diese Verbindung wiederherzustellen, und zwar nicht nur als nostalgische Wiederbelebung, sondern als lebendige, sich entwickelnde Praxis, die Nachhaltigkeit für künftige Generationen gewährleistet.
Ihr Ansatz ist das visuelle Storytelling: Sie verbinden Sozialanthropologie mit Kunst. Welche Wirkung versprechen Sie sich davon?
Visuelles Storytelling ist wirkungsvoll, weil es über den akademischen Diskurs hinausgeht und die Gefühle und Sinne der Menschen direkt anspricht. Durch ethnografisches Filmen, Fotografieren und multimodales Geschichtenerzählen möchte ich die empfindungsreiche Ökologie von Kappadokien wieder sicht- und greifbar machen.
Indem ich die gelebten Erfahrungen von Höhlenbewohnenden und Taubenzüchtern dokumentiere, dient meine Arbeit sowohl als Archiv als auch als Aufruf zum Handeln. Durch den Einsatz von Design- und Erzähltechniken, die vom kulturellen und ökologischen Erbe der Region inspiriert sind, trägt diese Forschung dazu bei, die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Tradition und Innovation zu überbrücken. Im Idealfall wird das sowohl lokale Gemeinschaften als auch politische Entscheidungsträger dazu inspirieren, den Wert dieser Praktiken zu erkennen und ihren Erhalt zu unterstützen.
Sie haben das “Fairy Dust Project” gegründet. Es will die Tauben in die Taubenschläge und Feenkamine zurückbringen sowie die traditionellen Produkte der Taubenzucht vermarkten. Allerdings sind die meisten Menschen in Ihren Filmen schon älter. Hat die Taubenzucht wirklich eine Zukunft in einer Landschaft, in der der Tourismus alles zu dominieren scheint?
Ja, aber das erfordert Anpassung. Die Taubenzucht als landwirtschaftliche Praxis ist gefährdet, weil die jüngeren Generationen sie nicht auf dieselbe Art fortführen. Das heisst aber nicht, dass sie keine Zukunft hat. Beim «Fairy Dust Project» geht es darum, traditionelles Wissen in die heutige Realität zu integrieren – sei es durch Ökotourismus, biologische Landwirtschaft, handwerkliche Produkte oder Kunst und Design –, um die Markenbildung zu stärken und das Engagement zu fördern.
Richtig vermarktet und unterstützt, kann die Taubenzucht als landwirtschaftliche Praxis eine nachhaltige Alternative zum Massentourismus werden. Anstatt Tauben und Taubenhäuser als Relikte der Vergangenheit zu sehen, können sie Teil der Zukunft Kappadokiens sein und sowohl das kulturelle Erbe als auch das ökologische Gleichgewicht wiederbeleben. Die Herausforderung besteht darin, diesen Übergang für jüngere Generationen attraktiv zu machen und gleichzeitig sicherzustellen, dass es ein ethisches und gemeinschaftsorientiertes Unterfangen bleibt.
Ausgehend von meinen Erfahrungen an der Wyss Academy und dem Medienlabor des Geographischen Instituts der Universität Bern stütze ich mich auf einen multi- und transdisziplinären Ansatz, um eine Allianz für den Wandel aufzubauen. Die Initiative wirbt nicht nur für ökologische Produkte aus Taubenguano, sondern bezieht auch künstlerische Entwürfe mit ein, wie zum Beispiel Ohrringe aus Ton, die von der iranischen Künstlerin Nadia Naeemaee hergestellt wurden, um das Märchen wiederzubeleben. Die Hälfte unserer Einnahmen wird für die Wiederherstellung der Taubenhöhlen und die Rückkehr der Tauben nach Kappadokien verwendet.
Interview: Gaby Allheilig