Wissenschaft durch die Linse

Unsere Online-Wechselausstellung zeigt Bilder aus Forschungsaufenthalten, Illustrationen über eine wenig bekannte Realität der Wissenschaft oder Videos – immer mit Bezug zu einer kleinen Geschichte über Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung. Zur Zeit:

Tauben in Kappadokien: ein Märchen wiederbeleben

Die Taubenzucht (colombiculture) ist weltweit eine fast vergessene landwirtschaftliche Praxis. Kappadokien in der Türkei ist ein Beispiel dafür: In den sogenannten Feenkaminen werden von alters her Tauben gezüchtet, um deren Mist als Dünger zu verwenden – insbesondere für die Weinberge. Eda Elif Tibets Forschungsarbeit unterstreicht: Die Rückbesinnung auf Mensch-Umwelt-Beziehungen und traditionelle landwirtschaftliche Praktiken ist für die indigene und entkolonialisierte Identität der verbliebenen höhlenbewohnenden Gemeinschaften in Kappadokien von grosser Bedeutung.

Eine Ausstellung von Eda Elif Tibet, Filmemacherin und Wissenschaftlerin an der Wyss Academy und am Geographischen Institut der Universität Bern (mehr über ihre Forschung im Interview weiter unten)

Ahmet Türke, a boutique hotel owner and vineyard keeper, feeding pigeons during winter in Uçhisar Pigeon Valley.
Ahmet Türke, Besitzer eines Boutique-Hotels und Weinbauer, füttert im Winter Tauben im Pigeon Valley nahe Uçhisar.
The moon-like volcanic landscape covered in snow at Göreme National Park, Cappadocia, a UNESCO World Heritage Site.
Die mondähnliche, schneebedeckte Vulkanlandschaft im Göreme-Nationalpark, Kappadokien, ist ein UNESCO-Weltkulturerbe.

Aus traditionell bewohnten Höhlen ist eine Art Disneyland entstanden

Die surreale Landschaft inmitten des türkisch-anatolischen Hochlands entstand vor 10 Millionen Jahren durch die Aktivität dreier Vulkane. Es ist ein Gebiet reich an kultureller und biologischer Vielfalt. Bereits die ersten Siedler*innen nutzten die Kegelstrukturen, die durch Lava und Erosion entstanden, als Höhlenwohnungen – bekannt als Feenkamine.

Im 11. Jahrhundert kamen die Seldschuken nach Kappadokien. Sie brauchten die Feenkamine als Taubenschläge und den Vogeldung, um Weintrauben für den Handel sowie Gemüse für ihre Selbstversorgung anzubauen.

Seit den 1980er Jahren hat die Umwandlung von Höhlenwohnungen und Feenkaminen in touristische Unterkünfte Praktiken wie Taubenzucht, Schnitzereien und Felsmalereien in den Taubenhöhlen, aber auch andere mit dem Lebensunterhalt verbundene Aktivitäten verdrängt. Diese kulturellen und Umwelt-Veränderungen haben dazu geführt, dass heute Heissluftballons den einst von Tauben bevölkerten Himmel füllen – und ein Disneyland-artiges, kommerzialisiertes Narrativ der kappadokischen Identität geschaffen und herbeifantasiert.

Ahmet and his son Mehmet are collecting pigeon manure from the fairy chimneys.
Ahmet und sein Sohn Mehmet sammeln Taubenmist aus den Feenkaminen.
Ahmet fertilizes volcanic ash soil with pigeon manure using the dusting and aeration technique.
Ahmet bringt den Taubendung auf dem Vulkanascheboden aus und arbeitet ihn ein.
Zehra Gozer, an elderly cave dweller, prepares tomato purée (locally known as salca) for winter in Göreme village.
Zehra Gozer, eine ältere Bewohnerin einer Höhle, bereitet im Dorf Göreme Tomatenpüree (lokal: Salca) für den Winter zu.
After the harvest, the grapes are dried (Uçhisar village).
Nach der Ernte werden die Trauben getrocknet (Dorf Uçhisar).
Zarife produces pectin/molasses after the grape harvest.
Zarife stellt aus den Trauben Pektin/Melasse her. In einem Gedicht schreibt sie: «Die schwärzesten Trauben, der reichste Boden, das heisseste Feuer, die süsseste Melasse».

Regenerative Landwirtschaft und ihre Produkte in Kappadokien

Neben Weintrauben werden auch Obst und Gemüse in regenerativer Landwirtschaft angebaut. Die Grundlage dafür ist Taubenmist.

Aus der Traubenmolasse werden unter anderem viele traditionelle Süssigkeiten hergestellt. Eine der Spezialitäten ist das «Melasse-Schnee-Dessert», eine Mischung aus Traubenmelasse (pekmez) und Schnee. Dabei wird Melasse über frisch gefallenen Schnee gegossen, wodurch eine Süssigkeit mit weicher Textur entsteht. Das Dessert wird im Winter gegessen und ist besonders in ländlichen Gebieten beliebt.

“Molasses snow dessert”
Melasse-Schnee-Dessert
wild teas and herbs
Die lokalen Gemeinschaften stellen auch Wildkräuter und Kräutertee her.
Pigeon breeder showcasing his pigeon’s feathers and balance.
Taubenzüchter präsentiert Gefieder und Aussehen seiner Tauben.


AWAKENING A FAIRY TALE 

Schauen Sie sich auch den Dokumentarfilm in Episoden von Eda Elif Tibet, gezeigt von Habitat TV, an:
Teil 1, Teil 2, Teil 3 (Türkisch mit englischen Untertiteln)

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INTERVIEW MIT EDA ELIF TIBET

Eda Elif Tibet in Cappadocia
Eda Elif Tibet in Kappadokien

«Richtig vermarktet und unterstützt, kann die Taubenzucht eine nachhaltige Alternative zum Massentourismus werden»

Sie erforschen seit 2010 die Höhlenkultur und die traditionelle Taubenzucht als landwirtschaftliche Praxis (colombiculture) in Kappadokien. Was motiviert Sie dazu?

Meine Motivation ist sowohl persönlich – aus Verbundenheit mit meinen Vorfahren – als auch wissenschaftlich. Die Landschaft Kappadokiens ist nicht nur ein geologisches Wunder, sondern auch ein Ort mit einer langen Geschichte, der über Generationen von Mensch-Natur-Interaktionen geprägt wurde. Als Wissenschaftlerin und Filmemacherin interessierte mich, wie die Menschen sich an diese Landschaft angepasst und sie durch traditionelles ökologisches Wissen geformt haben – insbesondere durch die Taubenzucht in den Feenkaminen, die der Bodenfertilität der Weinberge dient.

Historisch gesehen waren die Höhlenwohnungen und Taubenhäuser für den Lebensunterhalt unerlässlich. Die Beziehung zwischen Mensch und Taube spielte eine entscheidende Rolle, um Haushalte, Feenkamine und die Landschaft selbst zu erhalten. Marktkräfte, Tourismus und politische Veränderungen haben diese Beziehung jedoch überschattet. Sogar lokale Gemeinschaften sind dabei, die Bedeutung dieser Praktiken zu vergessen. Die einzige Möglichkeit, die Feenkamine und Höhlen Kappadokiens wiederherzustellen, besteht darin, das ursprüngliche empfindungsreiche Gleichgewicht zwischen Menschen, Tauben und dem Land wiederzubeleben.

Sie schreiben, die Überwindung der Trennung zwischen Mensch und Landschaft sei eine wesentliche Voraussetzung, um die Identität der Höhlenbewohnenden Kappadokiens zu entkolonialisieren. Was meinen Sie damit?

Der Massentourismus, die Verstädterung und politische Massnahmen, die die traditionellen Lebensgrundlagen einschränken, haben im Lauf der Zeit viele Einheimische vertrieben. Das hat zu einem Bruch zwischen den Gemeinschaften und der Landschaft geführt, die diese einst aktiv gestalteten. Die Identität entkolonialisieren bedeutet in diesem Zusammenhang, die angestammten Beziehungen zum Land zurückzugewinnen und wieder zu beleben – im Bewusstsein, dass die Bewohner*innen der Höhlen nie losgelöst von den Feenkaminen oder den Tauben waren, sondern Teil eines zusammenhängenden ökologischen Systems.

Tim Ingolds Konzept der «Bewohnerperspektive» (dwelling perspective, 1993) hilft, dies zu erklären. Es geht nicht nur darum, an einem Ort zu leben, sondern mit ihm auf eine Weise zu koexistieren, die das Gleichgewicht aufrechterhält. Wenn diese traditionellen Praktiken verschwinden, verlieren die Menschen einen Teil ihrer Identität und Handlungsfähigkeit. Ziel ist es, diese Verbindung wiederherzustellen, und zwar nicht nur als nostalgische Wiederbelebung, sondern als lebendige, sich entwickelnde Praxis, die Nachhaltigkeit für künftige Generationen gewährleistet.

Ihr Ansatz ist das visuelle Storytelling: Sie verbinden Sozialanthropologie mit Kunst. Welche Wirkung versprechen Sie sich davon?

Visuelles Storytelling ist wirkungsvoll, weil es über den akademischen Diskurs hinausgeht und die Gefühle und Sinne der Menschen direkt anspricht. Durch ethnografisches Filmen, Fotografieren und multimodales Geschichtenerzählen möchte ich die empfindungsreiche Ökologie von Kappadokien wieder sicht- und greifbar machen.

Indem ich die gelebten Erfahrungen von Höhlenbewohnenden und Taubenzüchtern dokumentiere, dient meine Arbeit sowohl als Archiv als auch als Aufruf zum Handeln. Durch den Einsatz von Design- und Erzähltechniken, die vom kulturellen und ökologischen Erbe der Region inspiriert sind, trägt diese Forschung dazu bei, die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Tradition und Innovation zu überbrücken. Im Idealfall wird das sowohl lokale Gemeinschaften als auch politische Entscheidungsträger dazu inspirieren, den Wert dieser Praktiken zu erkennen und ihren Erhalt zu unterstützen.

Sie haben das “Fairy Dust Project” gegründet. Es will die Tauben in die Taubenschläge und Feenkamine zurückbringen sowie die traditionellen Produkte der Taubenzucht vermarkten. Allerdings sind die meisten Menschen in Ihren Filmen schon älter. Hat die Taubenzucht wirklich eine Zukunft in einer Landschaft, in der der Tourismus alles zu dominieren scheint?

Ja, aber das erfordert Anpassung. Die Taubenzucht als landwirtschaftliche Praxis ist gefährdet, weil die jüngeren Generationen sie nicht auf dieselbe Art fortführen. Das heisst aber nicht, dass sie keine Zukunft hat. Beim «Fairy Dust Project» geht es darum, traditionelles Wissen in die heutige Realität zu integrieren – sei es durch Ökotourismus, biologische Landwirtschaft, handwerkliche Produkte oder Kunst und Design –, um die Markenbildung zu stärken und das Engagement zu fördern.

Richtig vermarktet und unterstützt, kann die Taubenzucht als landwirtschaftliche Praxis eine nachhaltige Alternative zum Massentourismus werden. Anstatt Tauben und Taubenhäuser als Relikte der Vergangenheit zu sehen, können sie Teil der Zukunft Kappadokiens sein und sowohl das kulturelle Erbe als auch das ökologische Gleichgewicht wiederbeleben. Die Herausforderung besteht darin, diesen Übergang für jüngere Generationen attraktiv zu machen und gleichzeitig sicherzustellen, dass es ein ethisches und gemeinschaftsorientiertes Unterfangen bleibt.

Ausgehend von meinen Erfahrungen an der Wyss Academy und dem Medienlabor des Geographischen Instituts der Universität Bern stütze ich mich auf einen multi- und transdisziplinären Ansatz, um eine Allianz für den Wandel aufzubauen. Die Initiative wirbt nicht nur für ökologische Produkte aus Taubenguano, sondern bezieht auch künstlerische Entwürfe mit ein, wie zum Beispiel Ohrringe aus Ton, die von der iranischen Künstlerin Nadia Naeemaee hergestellt wurden, um das Märchen wiederzubeleben. Die Hälfte unserer Einnahmen wird für die Wiederherstellung der Taubenhöhlen und die Rückkehr der Tauben nach Kappadokien verwendet.

Interview: Gaby Allheilig